"Wir hatten nichts mehr"

Es regnet mal wieder. Alejandra betrachtet die Wettervorhersage auf ihrem Handydisplay. Nichts als graue Wolken und Regentropfen – für die nächsten zwei Wochen. „Spende 100 Eier an die Kirche und es wird an deiner Hochzeit nicht regnen“, rät eine Freundin. Alejandra lacht. Sie glaubt nicht daran. Auf der anderen Seite – sie will bei Sonnenschein heiraten. Und fasst einen Entschluss…

Zunächst geht es zum kolumbianischen Aldi (von Aldi gegründet und später verkauft). Dort ersteht sie vier Paletten Eier. Zusätzlich finden 20 Päckchen Spaghetti ihren Weg in den Einkaufswagen. Dazu kommen acht Packungen Kichererbsen und Linsen, eine Palette Reis, zwei Säcke Zucker, sechs Päckchen Würstchen, Allzweckreinger, Margarine, zwei Galonen Öl, Schokoaufstrich.

Zehn Minuten später kommt Alejandras Onkel im Auto um die Ecke, was gut ist, denn tragen können wir das alles nicht. Wir laden den Einkauf in den Kofferraum, schichten ihn auf zwei Säcke Kartoffeln und 50 Kilo Möhren. Dann geht es los.

20 Minuten später sind wir den Wolken und Gott näher. Wir befinden uns am Hang der Berge, die Medellín umgeben. In den Slums. Vor einem Waisenhaus, das von drei Schwestern geführt wird. Sozialarbeit ist auch irgendwie Gott, Religion, Kirche. Ihr wisst schon: 100 Eier für die Kirche … Denn wer will schon Regen haben, wenn die Gäste extra aus Deutschland angereist kommen?

Eine Schwester öffnet uns die mit Metallornamenten verzierte Tür. Und Kartoffeln, Möhren sowie alles andere finden ihren Weg vorbei an in der frommen Frau, vorbei an den blasstürkis getünchten Wändern, vorbei an den Monstera im Atrium. Hinein in die Küche.

Wie sich das Heim finanziert, wollen wir später von Schwester Azucena wissen. Sie hat uns nicht nur hineingelassen, sondern gibt eine Führung. „Wenn nichts mehr da ist, kommt Gott. Wie heute. Da seid ihr gekommen. Wir hatten nichts mehr.“

Es regnet. Doch es regnet nicht durch´s Dach. Pflichtbewusst schmiegt sich der Putz an die Wände. Alles ist altmodisch, doch sauber; es riecht ein wenig nach Seife. In jedem Zimmer stehen zwei Stahlrohr-Betten, glattbezogen mit bunten Tagesdecken. Teddys drohnen auf den Kopfkissen wie Kirschen auf der Torte. Es ist ein schönes Heim. Ein Heim im Sinne von „my-home-is-my-castle“. Man kann sich durchaus vorstellen, dass sich die 20 Mädchen hier zu Hause fühlen, auch wenn ihnen Mutter und Vater abhanden gekommen sind.

Die Basics sind da. Nur krank werden darf keine von ihnen. „Doch schon“, Schwester Azucena nickt. „Alle Kolumbianer sind durch eine staatliche Krankenversicherung abgesichert.“ Und warum mussten dann private Spender Manuelas Glasauge finanzieren? Und warum ist so schwierig, orthopädische Schuhe für Milena mit der Fehlstellung zu bekommen? „Diese Kinder haben keine Papiere. Sie existieren nicht. Wer nicht im System ist, ist nicht versichert.“

Die gute Nachricht: Manche der Mädchen werden Anwältin oder Lehrerin, sie gründen Familien, wandern aus oder werden adoptiert. Eines der Mädchen hat wie Alejandra Modedesign in Medellín studiert. Ein anderes, die Lehrerin, kam in Pandemiezeiten zurück, um die Mädchen zu unterrichten, als die Schulen geschlossen waren. Doch selbst, wenn sie bis zum Abitur zur Schule gehen – auf die Uni gehen können die wenigsten. „Die Gebühren sind gar nicht so hoch“, meint Alejandra, doch viele Kolumbianer könnten sie sich trotzdem nicht leisten. „Dazu kommen ja auch noch Unterkunft, Verpflegung, Transportkosten.“

In den 45 Jahren, in denen das Heim besteht, haben die Schwestern gut 600 Mädchen groß gezogen. Sie kommen als Black Box. Niemand kennt ihre Vorgeschichte. Die Kinder werden in Schweinetrögen gefunden, auf der Straße, manche sind krank und wurden deswegen von ihren indigenen Familien verlassen. Obwohl sie es ins Heim von Azucena, Angelika und Josefina schaffen, schaffen es manche nicht: Sie hauen ab, geraten auf die schiefe Bahn, bekommen Kinder, wenn sie noch selbst welche sind.

Von den Misserfolgen jedoch ist heute nichts zu spüren. Die Mädchen scharen sich um uns, manche folgen uns wie bunte Schatten, als Azucena uns das Haus zeigt. Einmal singen sie. Papagei Paceka krächzt. „Ich habe versucht, ihm die Tonleiter beizubringen“, sagt sie und zeigt auf den grün-roten Vogel. „Aber er kann bis heute nur das A“.

Als wir das Gebäude nach gut anderthalb Stunden verlasssen, trägt ein Mann einen Sack Kartoffeln die Stufen hinauf. Gott klopft an diesem Tag ein zweites Mal an die Tür. 

Am meisten haben sich die Kinder über die Schokocreme gefreut.

Falls ihr wissen wolltet, für wen das Geld gedacht ist, das sich Alejandra und Martin zu ihrer Hochzeit wünschen: Sie möchten damit das Heim von Azucena, Angelika und Josefina unterstützen – möglichst gezielt für größere Anschaffungen oder nachhaltige Projekte.

Das Konterfei Schwester Carmelinas hängt bis heute an der Wand im Wohnzimmer. Die Italienerin hat es vor rund 45 Jahren gegründet. Mit dabei von Anfang an: die Schwestern Josefina und Angelika. Letzterer ist es zu verdanken, dass die Kinder ein Dach über dem Kopf haben. Ihre Familie hat den Nonnen das Haus vererbt.

Während in Deutschland die Reichen am Berg wohnen, wohnen in Kolumbien die Ärmsten am Berg.